Schwarzmalen mit Zahlen

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Die folkig angehauchten Elektroniker von BODI BILL haben ihre Einnahmen aus Plattenverkäufen auf den Tisch gelegt. Und sind ganz schnell bei Themen wie Respekt und Wert. 

Hände hoch, wer BODI BILL auf dem iPod hat! Und, bezahlt? “Manche denken nach zwei ausgegebenen Drinks können sie ne Frau besteigen, das ist billig. Für Musik wollen sie aber nicht mal die zwei Drinks anlegen” … so in etwa schätzen die Berliner, im Interview mit dem bayrischen Jugendsender on3, die Lage ein. Dazu packen sie gleich mal die Zahlen auf den Tisch. Vom letzten Album wurden knapp 5000 Einheiten verkauft – Pillepalle. Davon bleiben für die Band 19% vom Verkaufspreis – 2,88 Euro – pro Album, aber hier lauern noch diverse Abzüge. Auf nonphysischer Ebene gibt es ebenfalls 19% für jedes Album, welches legal den Weg auf die Festplatte findet. Macht etwa 1,70 Euro.  Je Einzeltrackdownload erhält die Band um die 20% vom Verkaufspreis, also irgendwas im Centbereich.  Summe aus dem Digitalgeschäft, grob überschlagen: 4300 Euro.  Letztlich folgt noch das Model der Zukunft: Streaming. Und da bringt der Abruf z.B. bei Simfy fette 0,001248 Euro in die Kasse. Alter, macht bei 5300 Streams im Monat immerhin 6,20 Euro! Da soll also die Zukunft liegen? Wohl nicht die für die Künstler.

Okay. Die Jungs erwähnen nur am Rande, dass ihre Konzerte bestens besucht sind.  Ich würde bei der Gage mal (halbwissend) auf 3000-5000 Euro tippen. Merchandising bringt auch noch etwas Geld in die Kasse. GEMA-Ausschüttungen für das ein oder andere Airplay ebenso. Finale zahlen sich die drei wohl 1500 Euro im Monat aus. Aber erst seit kurzem, zuvor waren es 800 Euro. Hmm! Harte Realität. Geht aber nicht darum etwas schön zu rechnen. Es geht um Respekt und Wertschätzung. Den fordern BODI BILL nämlich ein und wettern gegen den Anspruch auf stetige, kostenfreie Verfügbarkeit. “Musik kommt nicht aus dem Wasserhahn, das sind gesammelte Tränen im Glas“.

Halten wir also fest: eine recht populäre Band, gut frequentierte Konzerte … es gibt also Fans. Tonträger, physisch oder nonphysisch scheinen aber nicht deren Ding zu sein. Was läuft hier schief, das eine Band vom Bekanntheitsgrad BODI BILLs, scheinbar nicht wirklich von ihrem Tun leben kann? Wer hat Schuld? Die GEMA? Die Musikindustrie? Youtube? Filesharing?  Eben die üblichen Verdächtigen, doch Hauptschuld hat ein ganz anderer: der Zeitgeist. Zeitgeist ist Geiz ist geil. Ein Werbeslogan als Zustandsbeschreibung. Geld für Musik ausgeben? Echt, gab es das früher mal? Krass!

Was aber auch nur die halbe Erkenntnis ist, denn es ändert sich generell etwas. Unter anderem das Medium, die Wahrnehmung, nicht zuletzt “die Halbwertszeit”. Ich kenne Leute, die haben keine einzige CD im Schrank, aber alles einer Band in der iTunes Playlist. Nur logisch, die haben auch keine Anlage, Computerboxen machen auch genug Krach. Bezahlt oder nicht … man mag das Werk der Band und schätzt diese, identifiziert sich sogar damit oder darüber. Das die Band von Musik leben will ist kaum im Bewusstsein. Wenn sie es schafft: fein. Wenn nicht kommt die nächste Lieblingsband. Man schaue sich nur mal die Rotation in Gazetten wie INTRO oder NME an. Jeden Monat drei neue Next Big Things, die durch den Blätterwald getrieben werden. Und ich rede hier von Leuten, die sich für Musik interessieren. Sag mir was Du hörst und ich sag Dir wer Du bist.

Höhepunkt der Bandliebe ist ein Livekonzert. Manchmal ausverkauft ohne Werbung. Heute scheinbar öfter als früher, Social Media sei es gedankt. Bei diesen Konzerten sind dann auch Leute, die weder ne CD im Regal, noch was von der Band in der iTunes Playlist haben. Hauptsache dabei. Erinnert mich an die Diskussion um Paul Kalkbrenners (eh kennste: der Ikarus aus “Berlin Calling), Heimspiel, wo ein Teil der Besucher des Arena-Events bei Facebook tönte “war noch nie bei einem Konzert, aber es war, trotz Technikausfall, geil”. Andere bemängeln, dass “keine Ersatzplattenspieler” vor Ort waren. Durchblicker wo man hinblickt, ein alter Haudegen wie ich wundert sich dabei vor allem, über das Auftauchen des Begriffs “Konzert”. Icke wieder … DJ, Liveact, Band – egal … dabei sein ist alles und der DJ oder die Band ist heute das, was die bärtige Frau früher auf dem Jahrmarkt war. Unterhaltung. Wars aber schon immer, selbst zu den goldenen Vor-MTV Zeiten, als eine Band noch hässlich sein durfte. Und: es ist völlig legitim!

Haben Künstler nun einen Anspruch darauf reich zu sein? Bekommt der Werksvertrag bald eine neue Bedeutung? Macht ein satter Magen unkreativ? Ist Streaming Dudelradio 2.0? Was kann man eigentlich streamen, wenn der Contenlieferant wieder ganztägig Pizza ausfährt? Ist eine Alimentation oder Kulturflatrate förderlich oder wird nach deren Einführung kritisiert, wie heute bei der GEZ? Deine SCOOTER zahl ich nicht!  Fakt ist, der klassische Tonträgermarkt ist nicht mehr. Vom Download geht es gleich zu Streaming. Alles überall verfügbar: schöne neue Welt. Rosa Wolken – die Cloud, Baby. “Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“. Das bisherige Model Kreative zu entlohnen hat ausgedient, was Neues ist nicht wirklich in Sicht. Und fair war das alte System nicht wirklich … Stichworte: GEMA, Radiolandschaft, Indie vs. Major. Es gab also nie ein Anrecht auf Sicherheit und regelmäßige Einkünfte. Es gab den Zufall und einen Treffer aus diesem: DER Hit. Mit dem kann man es auch heute noch schaffen. Zwischen Unheilig und GOTYE ist immer noch ein Platz für fünf Musiker mit einer Gitarre. WALK OFF THE EARTH, eine charmante Idee: 64.000 000 Youtube Views. Ob die davon leben können? Ob denen DAS darauf ankam? Wenn wir Pech haben setzt sich aber “Schnappi, das kleine Krokodil” auf den freien Stuhl.

Muss man Musik immer in einem finanziellen Rahmen sehen und alle anderen, die das “just for fun” machen sind unfähige Amateure? Nicht mal nen Verlag oder nen Label haben die im Rücken. Oh … Wortspiel, weil im Rücken hat man auch manchmal Messer. In welche Kategorie fallen eigentlich die Casting Klone, die gestern noch Hauptschüler waren und die übermorgen im Supermarkt Regale auffüllen? Okay .. eine Marionette ist kein Schauspieler. Und der Schauspieler muss nicht das darstellen, was er ist. Wenn man es ihm abnimmt: gut gemacht. In Anlehnung daran nehme ich auch William Fitzsimmons den Waldschrat ab. Und kauf seine CDs! Der soll ja auch leben.

Zurück zu BODI BILL. Ich bin größtenteils auf der Seite der Band, frage mich aber: wenn die Einnahme aus der CD-Veröffentlichung den Gegenwert von ein oder zwei Konzertgagen hat, warum dann nicht mal öfter live spielen? Zumindest solange man das Privileg hat, dass Leute zu den Konzerten kommen. Ja, Ja … die Agentur. Bevorzugt hippe Medienstädte und bekannte Clubs und meint, in jedem Kuhkaff zu spielen steigert auch nicht gerade den Weltruf. Oder doch? Natürlich ist ein Album auch, und neuerdings vor allem, ein Promotool. Wenn es eh alle streamen, warum dann nicht gleich nur so anbieten. Oder frei bei Soundcloud oder Bandcamp zur Verfügung stellen? Dazu paar spezielle Tonträger für den exklusiven Konzertverkauf. Spart Vertriebskosten. Ach so, da kommt man ja nicht in die Regale beim Media Markt oder Marktkauf. Und je fester man dort steht, umso gewaltiger rollt die Lawine. Zur Not angeschoben durch CD-Kaufbrigaden. Solls geben. Braucht 2012 nicht mal mehr viel Investitionskapital, um in die Top 10 zu kommen. Aber, warum nicht andere Wege der “Vermarktung” (böses Wort) suchen? Die Band und deren musikalischer Kosmos als DJ Team, der Soundtrack als Auftragsarbeit oder ein Song in der Werbung? Okay, klingt blauäugig und auf ner Fetenhits Compilation will nicht jeder zweitverwertet werden. Dazu: gerade BODI BILL brauch ich das nicht erzählen. Da sind die schon selbst draufgekommen. Und somit ist das klassische Tonträgergeschäft nur eins ihrer Standbeine. Hoffen wir mal. Ein fast abgestorbenes, auf dem nur das Dutzend etablierter musikalischer Untoter steht, deren Klientel nicht ins Land namens Internet reist. Download? Virus? Himmel! Hilf!

Fazit: Is nich! Ein kompaktes Thema, die Büchse der Pandora, ein recht ungeordneter Gedankenstrom meinerseits. Da gibt es vieles mehr an Facetten und wer eintauchen will, der findet hier einen Einstieg. Ich bin erstmal raus, wollt Euch nur darauf hinweisen.

Danke an on3, für schöne Denkanstöße.

5 Kommentare

  1. Ähm nur mal n Auszug von meinen Last.fm Labelchannel

    All time Royalties Report

    See your most recent report: Q4 2011.

    Your Total Streams 31977
    Your Total Earnings €11.54

    Möchte die Distrozahlen nicht offen legen hier aber der erlös pro Track bewegt sich wirklich im unteren Cent Bereich…..

    Also wirklich neu ist das halt auch nicht – gut das es aber mal wieder öffentlich diskutiert wird.

  2. “Manche denken nach zwei ausgegebenen Drinks können sie ne Frau besteigen, das ist billig. Für Musik wollen sie aber nicht mal die zwei Drinks anlegen”

    Ironischerweise haben die Kids, die nicht für ihre Musik bezahlen, den gleichen Machoton drauf wie Bodie Bill.

  3. @tkr: Die spannende Frage ist: hätte ohne Last FM deine Musik 32000 Leute erreicht bzw. was hat es zur Folge? Generierst Du aufgrund dessen “echte Verkäufe” oder Auftritte?

    @Wimpair: Ich glaube, wenn ich den verurteilenden Tenor im Interview zu Grunde lege, so sexistisch meinen die das gar nicht, wenn ich das Beispiel auch etwas seltsam fand.

  4. musiker heulen in sachen geld nur so stark rum, weil wir immer das große bild des superstars über die medien geliefert bekommen. und ja, die ganze welt ist ja so ungerecht und allen anderen geht es besser. denn wer kennt nicht die horden von freischaffenden künstlern, fotographen, schriftstellern und schauspielern, welche so einfach aus ihrer leidenschaft kapital schlagen können? ~~

    das problem liegt nicht bei den konsumenten, sondern bei der verteilung. das perverse an der musiklandschaft ist der fakt, dass eben eine band nur 20% anteil bekommt. oder halt 0,0000sonstwieviel cent pro stream.
    achja, und natürlich an der liebsten werbeplattform für künstler überhaupt: youtube.

  5. @Wimpair also, entweder mir fehlen mir wirklich zwei Groschen zu ner Mark, aber ich kann im Text kein Sexismus entdecken. Es gibt so Leute die die so denken, auch wenn sie bescheuert sind. Und nur weil man das sagt ist man nicht einer von ihnen und noch lange kein Macho.
    @brnk mit der Verteilung sehe ich ähnlich, aber dass Musiker nicht heulen dürfen, nur weil der Maler und Fotograf auch nichts verdienen, kann ich nicht unterschreiben. Wenn das Geld nicht reicht, reicht´s halt nicht. Und es wird auch nicht mehr nur weil die anderen auch nichts haben. Und auch das wird man mal sagen dürfen.
    @ Ole ich finde aber auch, dass die Digitalisierung nicht nur ein Fluch ist.
    Wenn man einen bestimmten Titel suchte, geht es heute schon schneller.
    Noch nie hatte man, so schnell und ausführlich zugriff auf Playlisten von Radiosendern/ Djs.
    wenn ich den Titel habe gebe ich ihn in das Suchfeld meiner Downloadstores ein und schon habe ich den Tune.
    Früher musste ich zum Plattendealer und mit etwas Glück hat er meine Umschreibung und mein Summen erkannt und mit noch mehr Glück hatte er dann auch die Platte da.

    Und ja es gibt auch Leute, die verbringen lieber 7-10 min mit der Suche nach dem “GratisSong” vorm Rechner als mal o.99€- 2€ auszugeben, und das liegt dann schon am Konsumenten sowie an der Einstellung zur Musik und dem Schaffen der Künstler.
    ..
    Lösung habe ich aber auch keine.

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